Die Kraft der Linie.

Über Kunst, Mut und Leidenschaft.

 

Um einer Linie Kraft zu geben, braucht es Mut. Den Mut zur Linie. Jeder, der schon mal vor einem weißen Blatt Papier saß und etwas zeichnen sollte, weiß, wieviel Mut es braucht. Mut, die erste Linie zu ziehen. Das Weiß des Papiers zu durchbrechen, aufzubrechen, vielleicht gar zu zerstören.

Als Kind hat man keine Angst. Da werden die Linien gezogen, wie sie aus dem Kopf kommen. Auf Papier, Wand, Haut, Hose – es gibt keine Grenzen. Und keine Angst. Der Stift wird angesetzt und zieht seine Bahn. Zielstrebig. Und wenn das Blatt nicht ausreicht, geht es auf dem nächsten Blatt oder auf dem Tisch weiter. Die Linie erobert ihr Territorium. Selbstbewusst. Dominant. Bei einem Kind sind es wenige Linien, die etwas Großes hervorbringen. Ein Einhorn, ein Haus, ein Löwe, ein Mensch – es spielt keine Rolle, was gezeichnet wird, was gemalt wird. Die Kraft der Linie auf dem Papier macht die Figuren lebendig. Warum? Weil sie von Mut gezogen ist. Mit Leidenschaft.

Je älter der Mensch wird, desto mehr Bedenken bekommt er. Nur wenige bewahren sich den Mut. Den Mut, eine Linie zu ziehen. Viele suchen Halt an Hilfsmitteln. Lineale, Raster, durchscheinende Bilder. Oftmals braucht es ja auch diese sichere Linie, die durch ein Lineal gezogen wird und in ein Raster passt. Für manche Menschen werden solche Linien zum Beruf. Und später zu Gebäuden.

Doch mich interessiert die freie, mutige Linie. Die von freier Hand ihre Bahn zieht. Etwas neues schafft.

Ich selbst gehöre zu den Menschen, die den Mut zur Linie nie ganz verloren haben. Als Kind war das Papier meine Projektionsfläche. Ließ Geschichten entstehen. Sichtbar werden. Ich weiß nicht, ob es in meinem Heranwachsen das Zusammenknüllen von Bildern gab, weil sie mir nicht gefielen. Ich meine nicht. Ich meine eher, ein neues Blatt genommen zu haben oder das andere übermalt zu haben. Das endlose Computerpapier in den 80ern schien mir aus dem Paradies zu kommen. Die 10. Klasse war für mich das langweiligste Schuljahr. Kein Kunstunterricht. Vielleicht habe ich deswegen alles mögliche andere bemalt. Schultische, Rucksäcke, Ordner, …

Das Bewusstsein zur reinen, puren Linie wurde im Kunst Leistungskurs geweckt und gefordert. 1993. Ausstellung im Badischen Kunstverein in Karlsruhe. Peter Dreher. Jeden Tag ein Glas. Uns wurde zur Aufgabe gemacht, ebenfalls ein einfaches Glas zu zeichnen. Immer und immer wieder. Da habe ich zum ersten mal gehört, dass es Mut zur Linie braucht. Walter Grenzheuser, mein Kunst LK Lehrer war es, der das sagte. Ein Glas aufs Papier zu bringen, ist nicht leicht. Und es wird noch viel schwieriger, wenn keine Wischtechnik erlaubt ist. Wenn einzig die Linie regieren soll. Es beginnt mit einem einfachen Stricheln. Zart, übers Papier gehaucht. Die Linie einfangen. So machen das die meisten. Bis einem der Stift aus der Hand gerissen wird und „Zack“ die Linie übers Papier gezogen wird. Wild. Druckvoll. Dominant. Kraftvoll. Kurz bleibt die Luft stehen. Dann nimmt man sich ein neues Blatt. Fixiert das Glas. Holt Luft. Schaut auf das Weiß des Papiers. Und setzt an. Und dann zieht man. Nein, vielmehr lässt man sich von der Linie ziehen. Und da ist sie: die erste mutige Linie. Wunderbar.

Die Linie macht den Meister. Natürlich braucht es zum Zeichnen, Scribbeln, Skizzieren gewisses Talent. Aber es ist auch Handwerk. Es braucht Übung. Übung Übung Übung. Wer die Kupferstiche der alten Meister wie Rembrandt sieht, merkt das. Wer selbst eine Linie auf das Papier setzt, merkt das. Aus Angst vor der Linie nutzen viele, die sich im Zeichnen ausprobieren, das Verwischen. Es ver-wischt die Linien, die daneben waren. Doch es verwischt keine Spuren. Es macht viel mehr offensichtlich, dass noch etwas fehlt. Die Übung. Das Selbstbewusstsein. Die Selbstverständlichkeit. Der Mut zur Linie. Eine gestrichelte Linie ist keine Linie. Nur eine vom Ansatz bis Ende durchgezogene Linie ist eine Linie. Eine Linie mit Kraft.

Wer den Mut zur Linie gefunden hat, kann sie auch frei laufen lassen, tanzen lassen, übers Papier fliegen lassen.

Als ich vor einigen Tagen im Studio Tattoo Freestyle III war, kam eine junge Frau herein. Anfang/Mitte zwanzig. Sie legte einige Bögen Papier und ein paar T-Shirts auf den Tresen. Ich lugte aus dem Hintergrund auf das aufs Papier Gebrachte. Auf dem ersten Blatt ein fusseliger Leonardo da Vinci aus einer Masse von kurzen Linien. Gewiss auch eine Art von Stil, aber von Können? Blatt zu Blatt zeigte sich ein gewisses Talent. Stimmige Proportionen. Doch keine Linie. Keine Linie auf dem Papier und keine Linie in den Arbeiten. Gewisses Talent, ja. Aber keine Aussage. Keine Leidenschaft.

Die junge Frau wollte sich nach einer Ausbildung zur Tätowiererin erkundigen. Bernd schaute sich in Ruhe Blatt für Blatt an. Schaute genauer hin. Fragte nach. Die junge Frau wirkte trotz ihrer roten Dreads recht farblos. Fragte „Was wollt ihr denn sehen?“ Eine Frage, die sich nur damit beantworten lässt, dass eine Linie drin sein muss. Dass Leidenschaft aus den Skizzen rausblitzen muss. Ihr wurde ein „mehr üben, noch mehr üben“ und „deinen Stil entwickeln“ mitgegeben. Sie war sichtlich enttäuscht. Doch gewisses Talent reicht nicht aus. Nicht beim Tätowieren.

Auch wenn es beim Tätowieren gewisse Trends und Mode gibt, so rückt doch eins mehr und mehr in den Vordergrund: Der Künstler. Der Tätowierer. Ein Künstler, der sein Handwerk beherrscht. Durch Übung. Mit Leidenschaft. Linien unter die Haut zu bringen braucht zu Beginn noch mehr Mut, als Linien auf Papier zu ziehen. Die Haut als Leinwand. Der Mensch als Objekt. Als Medium. Wandelndes Kunstwerk.

Einige Zeit nach der jungen Frau kommen 2 junge Männer ins Studio. Keine Blattsammlung. Eine Mappe. Sie wird auf dem Tresen aufgeschlagen. Was jetzt zu Sicht kommt, sieht ganz anders aus, als das zuvor bei der jungen Dame Gesehene. Das gesamte Auftreten ist ein anderes. Der junge Mann präsentiert seine Arbeiten, die eine Handschrift tragen. Seine Handschrift. Er hat seinen Stil, arbeitet und spielt mit ihm und man sieht doch auch, dass er noch weiter am Entwickeln ist. Seine Arbeiten haben eine Linie, weil er Mut zur Linie hat.

Schaut man sich im Studio um, so ziehen sich vielfältige Linien durch den Raum. Unterschiedliche Stile.

Sei es Florian Höllwarth, der mal mit Schrift spielt, diese bis in den kleinsten Schwung komponiert oder mal Marionetten tanzen lässt und dann wieder Schattierungen ausarbeitet. Oder an einem anderen Tag auf den Grafitti-Stil zurückgreift, schließlich auf phantastische Art Zeit mit Sand verrinnen lässt oder die Kursnadel im Kompass ausrichtet: die Linien leben.

Nick Corbett, an diesem Tag zum ersten mal wieder im Studio nach Monaten in seiner Heimat in Neuseeland, hat keinen Kunden, dafür sitzt er da und zeichnet. Sein Medium ist an diesem Tag das Papier. Auch Nick hat seinen eigenen Stil. Den zu beschreiben fällt mir etwas schwer. Mal Old School, mal fantastisch, puristisch erinnern mich seine Skizzen und Tätowierungen gerne auch an alte Schwarzweiß-Fotografien aus dem 19. Jahrhundert. Vögel, Wölfe, Portraits – welches Motiv auch immer: Nick beherrscht das Spiel zwischen starken kräftigen Linien und zarten Schattierungen.

Und schließlich Bernd. Sieht man einem Künstler wie Bernd Muss bei seiner täglichen Arbeit zu, sieht man, wie Skizze zu Tätowierung wird, spürt sieht fühlt man, welcher Cocktail aus Kunst, Leidenschaft und Handwerk hier zum Ausdruck kommt. Die Skizze hängt neben der entstehenden Tätowierung und die Maschine fliegt über die Haut. Natürlich fliegt sie nicht. Die Nadel sticht, durch den Trafo angetrieben, in die Haut. Welch Schmerz damit einhergeht, weiß derjenige, der tätowiert ist. Dass Schmerzempfinden unterschiedlich ist, weiß auch sonst jeder. Doch wer Bernd bei der Arbeit zusieht, merkt, wieviel an Erfahrung hier zugange ist. Konzentriert und schnell werden die Linien gezogen, wird die Farbe abgewischt, gecremt, neu angesetzt. Die Maschine liegt locker in der Hand wie ein Bleistift. Die Haut des Kunden wird zum Papier. Zur Leinwand. Das Kunstwerk wächst.

Bernd als Künstler wird wegen seines Stils gewählt. Seine Bilder sind durch Materialmix gekennzeichnet, indem Collage mit Tusche, Aquarell und Acryl zusammentrifft oder auch plakativ im Siebdruck auf Papier oder Pappe gebracht wird. Mal wird auch nach Auftrag großflächig gemalt wie die Laternen für den Basler Morgenstraich.

Bernd als Tätowierer lässt seinen Stil auf dem Medium Haut mit Farbe leben: Skizzenhaft, abstrakt und doch auch detailreich und natürlich. Raben entstehen aus einem Pinselschwung und Farbkleks, Elefanten rennen durch dynamische Linien, Skulls umspielen Rosen oder Schwerter, anatomische Herzen zeigen das Herzensblut des Lebens und Krakententakel umspielen die Linien der menschlichen Anatomie. Segelschiffe tanzen auf den Wellen und feine Gesichtszüge schmiegen sich in die Haut. Und noch weitaus mehr. Bernd Muss auf gewisse Motive zu beschränken, geht nicht. Jedes einzelne Werk ist ein Muss. Mal die Idee des Kunden als Basis, der Spielraum und das Vertrauen für und in den Künstler. Mal das „Das will ich haben!“ nach einer kreativen Nacht. Die Skizze oder das Aquarell gibt die Richtung an. Was unter der Haut entsteht, nimmt eine andere Ebene ein. Geht weiter. Weiter als manche Vorstellungskraft reicht. Wer genauer hinschaut, sieht die unglaublichen Details, die unsagbar feinen Linien und Punkte, die mit den kraftvollen Linien ein harmonisches Ganzes geben.

Man spürt sieht fühlt sie: Die Kraft der Linie.

 

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