Tattoo Freestyle

Die Geschichte vor der Geschichte:

Irgendwo sind sie ja immer. Tattoos. Tatauwierungen. In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, weniger. Aber spätestens dann mit Beginn des Weggehlebens, der Sympathisierung zur Punk-Szene, waren sie da. Wilde Totenköpfe zum Teil natürlich, aber auch indianische Totem.

Ich selbst bin ja ein Malkind. Im Kindergarten wurden mir sogar meine Bilder vom bösen T. geklaut und er schrieb dann seinen Namen hintendrauf… Unwichtig jetzt. Über Tatauwierungen an mir nachzudenken, begann ich so etwa mit 18. Ich zeichnete viel. In Schulheften, auf Notizzetteln, in den Aufgabenheften. Es waren Versuche, Zeichnungen, Übungen, wie man etwas stilisieren kann, wie man aus einzelnen Formen wieder ein ganzes bildet. Da das so in den frühen 90ern war, weiß ich im Nachhinein nicht, ob derzeit schon die Tribal-Welle angerollt war. Kurz: Ich war nie zufrieden mit meinen Übungen.

Ende der 90er dann begann die Zeit meines Lebens, in der ich immer öfter abtauchte. Eine ideale Kulisse für Tatauwierungen. Das Meer. Boote. Neopren- und Motorgeruch. Sonnengeküsste Haut. Das Gefühl von Freiheit. Besonders eingeprägt hatte sich mir ein Orca auf einem Schulterblatt. Er war wunderschön. Kraftvoll. Für mich gibt es Unterwasser 2 Tiere, die mich ungemein faszinieren: Tintenfische und Haie. Tintenfische wegen ihrer unglaublichen Wandlungsfähigkeit, ihrer Neugier, ihrem Spieltrieb und ihrer Intelligenz – Haie wegen dieser unglaublichen Kraft und Eleganz. Es gibt keinen einzigen Fisch, der sich so schön bewegt, wie ein Hai. Die ersten Haie sah ich 1998 in Thailand in einer Bucht von Koh Tao. Black Tip Reef Sharks. Nicht sehr groß, aber leicht zu beobachten. (Okay, wenn ich jetzt sage, dass die etwa 1,5om waren, dann schreckt der ein oder andere auch schon zurück).

Wir waren damals aber auf der visuellen Jagd nach einem der größten Haie. Einem Walhai. Und wir hatten wirklich das Glück, ein Jungtier von etwa 7 Metern zu gesicht zu bekommen. Ein wunderbarer Tauchgang. Wir waren nur zu fünft bei dem Tauchgang. Und auf einmal war er da. Und man wünscht sich, Kiemen zu haben… Ich schweife ab. Den ersten „richtigen“ Hai sah ich dann im Roten Meer. In der Nähe des Wracks der Salem Express. Ein soundso aufregender Tauchgang. Ein respektvoller Tauchgang. Schließlich waren viele Menschen beim Untergang der Salem Express ums Leben gekommen. Ein tiefer Tauchgang. In Metern und Gefühlen. Wir waren ein bisschen entfernter vom Wrack, als Ina mir Zeichen gab. Ca. 3 Meter groß und in 5 Metern Entfernung war er aus dem Nichts aufgetaucht: ein Hai. Kein Riffhai. EIn richtiger Hai. Und er kam auf uns zu. Jeder Versuch, ruhig zu bleiben, kann nur ein Versuch sein. Der Herzschlag schnellte hoch, einzig bewahrte ich die Kontrolle über Atem und Körper. Er schwamm bis auf 3 Meter auf uns zu und drehte dann wieder ab. Unterwasser ist man es eh, aber wir waren es auch noch an Deck, und das obwohl Ina (mein Buddy) eine extrem erfahrene Tauchlehrerin ist. Ich hatte meinen ersten Hai in seinem Element gesehen in ca 20 Meter Tiefe. Die Folge war, dass ich jahrelang Haie zeichnete.

Anfang der 2000er kam aber dann mehr und mehr noch ein anderes wichtiges Element in mein Leben: das Schreiben. Schreibt man auf einer überschaubaren Online-Plattform, so lernt man sich kennen. Eines Tages stand ich dann bei dem, den ich den Kämpfer nenne, morgens in der Wohnung, wir sahen uns das erste mal in echt und wir redeten über unsere (Lebens-)Philosophien und Erfahrungen und in dem Gespräch fand ich die Antwort auf die ungestellte Frage. Ich hatte das Bild im Kopf, was einmal mein Tatau werden soll.

Die eigentliche Geschichte:

Der Weg zur Galerie „Die Kupferdiebe, der Kunstkiosk“ im Gängeviertel war windig. Ich telefonierte und drückte mich immer wieder in Hauseingänge, um nicht zu erschauern. Auf dem Zickzackkurs vom Neuer Wall zur Caffamacherreihe liefen mir immer wieder 2 Typen über den Weg. Als ich dann nach dem Telefonieren im Kunstkiosk auflief, waren sie auch da und lachten, als sie mich sahen. Kurz drauf schüttelte ich tätowierte Hände. Anstand muss sein.

Es war die Ausstellung von Bernd Muss und mir gefiel sehr, was ich sah. Das Material und die Techniken. Die Motive. Morbide oder auch nach der Weite der See rufend. Und ich sah auch versteckte Tintenfische. Bernd sah ich an dem Abend auch, es wurde mir zugeflüstert „das ist der Künstler“. Und an diesem Abend gab es viel visuell zu entdecken. Bernds überzeichnete Collagen und die Freunde und Bekannten von ihm, die nahezu allesamt deutlich sichtbar tätowiert waren.

Kurz darauf – vielleicht noch in der gleichen Nacht – fand ich mich auf Bernds Webseite wieder und klickte schnell zu Tattoo Freestyle. Die Magie hatte mich ergriffen. Immer wieder fand ich mich auf der Seite rumlungernd. Der Entschluss, mal das Studio zu besuchen, war schnell gefasst, einzig Zeit brauchte es noch. Oder vielleicht auch einen äußerlichen Katalysator. Nach Überarbeitung der Tattoo Freestyle Seite und auch weil Bernd eine neue Ausstellung angekündigt hatte, fand ich mich schon nahezu täglich im virtuellen Tattoostudio wieder. Ich klickte mich durch die Profle und blieb bei Captain Ahab hängen. Das Moko machte mich neugierig. Und ich fragte. Und bekam eine Antwort. Und ich wusste: so bald wie möglich werde ich eine Visite in Harburg machen.

Die Sonne blendete mich, als ich aus dem 443er stieg. Direkt vorm Studio. In der Tür stand im T-Shirt ein aufmerksam beobachtender Mann. Weißes T-Shirt, kurze Haare, markante Gesichtszüge und, klar: tätowiert. In meinem Kopf huschten die Fragen: Ist das Ahab? Sieht etwas anders aus als auf seiner Portfolio-Karte, aber er könnte es sein. „Ich würde gerne mal eintreten und mich umschauen, darf ich?“ Oder so ähnlich trat ich an ihn ran, Sonnenbrille und Mütze abnehmend. Wir gingen rein. Bernds Blondschopf saß hinter der Theke links und war beschäftigt. Dass ich wirklich Captain Ahab vor mir hatte, bestätigte sich schnell. Wir plauderten, sprachen über meine Idee. Ich sog die Atmosphäre ein. Extrem sympathisch. Wohlgefühl. Ich wusste: ich habe mein Studio und meinen Tätowierer gefunden.

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